Workshop: Prozesse der Versicherheitlichung in medizinhistorischer Perspektive

Freitag - Samstag, 24.-25.07.2015

Dekanatsraum des Fachbereich 06 der Philipps-Universität Marburg
Wilhelm-Röpke-Str. 6C, Zimmer 5C05

 

PROGRAMM

Freitag, 24. Juli 2015

14:00 - 15:15 // Begrüßung und Einführung - Sebastian Haus (Marburg), Andrea Wiegeshoff (Marburg)

14:15 - 16:15 // Sicherheit, Versicherheitlichung und Medizingeschichte (gem. Textdiskussion)

16:15 - 16:45 // Kaffeepause

16:45 - 18:30 // Sicherheit, Versicherheitlichung und Medizingeschichte
(Fortsetzung der Diskussion auf Grundlage der laufenden medizinhistorischen Forschungsprojekte)

19:00 // Abendessen

 

Samstag, 25.07.2015

9:00 - 10:30 // Projektvorstellung: Pillen, Wundermittel, Skandale. Kultur und Sozialgeschichte des Arzneimittelgebrauchs in Frankreich und Deutschland, ca. 1950-1990 - Nils Kessel (Straßburg)

10:30 - 11:00 // Kaffeepause

11:00 - 12:30 // Wissenschaftliche Texte als Quellen der Medizingeschichte (Diskussion)

12:30 - 13:00 // Abschlussdiskussion

 

Bericht

Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind innerhalb des weiten Feldes der Security Studies viele politikwissenschaftliche Arbeiten erschienen, die sich dem Zusammenhang zwischen Sicherheit und Gesundheit in den internationalen Beziehungen widmen. Dabei dominiert ein analytischer Zugang, der die diskursiven Prozesse der Versicherheitlichung in den Mittelpunkt stellt, durch die unterschiedliche Themen aus dem Bereich der Medizin und Gesundheit als akute Probleme der nationalen und internationalen Sicherheit dargestellt werden (MacLean 2008). In diesem Zusammenhang bilden pandemische Szenarien und der Schutz vor Infektionskrankheiten vor dem Hintergrund einer eng verflochtenen, globalisierten Welt den wichtigsten Untersuchungsgegenstand (Davies 2008; Peterson 2002/3). Dass sich die Security Studies mehr und mehr für Seuchen interessieren, wird in der Literatur immer wieder auf eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates im Januar 2000 zurückgeführt. Mit HIV/AIDS wurde in dieser Sitzung erstmals ein medizinisches Thema im höchsten Gremium der UN verhandelt, das sich bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf militärische Bedrohungslagen und damit auf klassische Sicherheitsthemen konzentriert hatte (vgl. Singer 2002; McInnes 2006; McInnes/Rushton 2013). Die politischen, sozialen und ethischen Implikationen der Versicherheitlichung von Epidemien, die Interessen der beteiligten Akteure und die Folgen für die Betroffenen werden seither intensiv diskutiert (vgl. Elbe 2006, 2008; Peterson 2002/3; Sjörstedt 2011). Im Zusammenhang mit Pandemien wie SARS im Jahr 2003 und der Schweinegrippe sechs Jahre später weisen Filder (2004) und Hanrieder/Kreuder-Sonnen (2014) beispielsweise auf die besondere Rolle der WHO hin, der es gelungen sei, durch die  Thematisierung der Infektionskrankheiten in den Semantiken des Notstands und der Ausnahme eine “institutionalization of emergency powers” zu erreichen, wodurch sich der politische Spielraum von WHO-Experten erheblich erweitert habe.

Auch wenn diese Studien klassische Themen der Medizingeschichte berühren, fehlt ihnen nahezu ausnahmslos eine historische Dimension. Dabei kann die Medizingeschichte eine überaus reichhaltige Forschung zur Geschichte der Seuchen und anderer Gesundheitsprobleme vorweisen. Der Workshop möchte sich deshalb eine doppelte Aufgabe setzen: Einerseits möchte er das heuristische und analytische Potential des Versicherheitlichungskonzepts für die Medizingeschichte diskutieren; andererseits versucht er, Ansatzpunkte für eine medizinhistorische Differenzierung der politikwissenschaftlichen Security Studies zu identifizieren. Der Workshop erhofft sich davon Impulse für eine theoretisch reflektierte Sozial- und Kulturgeschichte der Medizin: zum einen, weil die Theorie der Versicherheitlichung auf die epistemologischen und medialen Voraussetzungen in der Konstruktion und Diskursivierung politischer Problemstellungen großen Wert legt und daher theoretische Innovationen für die Untersuchung von Austauschprozessen zwischen medizinischen Expertenzirkeln und öffentlichen Problemdiskursen verspricht. Zum anderen beleuchtet sie Aussagen, Medien und Praktiken der Dramatisierung, die in medizinhistorischen Zusammenhängen, etwa in der Popularisierung und Institutionalisierung der Bakteriologie, eine große Rolle gespielt haben. Auch hier möchte der Workshop das Erkenntnispotential der securitization theory ausloten.

 

Literatur

  • Davies, Sara E. 2008: Securitizing Infectious Disease, in: International Affairs 84 (2), 295-313.
    Elbe, Stefan 2006: Should HIV/AIDS be securitized? The Ethical Dilemmas of Linking HIV/AIDS and Security, in: International Studies Quarterly 50, 119-144.
  • Elbe, Stefan 2008: Risking Lives. AIDS, Security and Three Concepts of Risk, in: Security Dialogue 39 (2-3), 177-198.
  • Fidler, David P. 2004: SARS. Governance and the Globalization of Disease, New York.
  • MacLean, Sandra J. 2008: Microbes, Mad Cows and Militaries. Exploring the Links Between Health and Security, in: Security Dialogue 39 (5), 475-494.
  • McInnes, Colin 2006: HIV/AIDS and Security, in: International Affairs 82 (2), 315-326.
  • McInnes, Colin/Rushton, Simon 2013: HIV/AIDS and Securitization Theory, in: European Journal of International Relations 19 (1), 115-138.
  • Peterson, Susan, 2002/3: Epidemic Disease and National Security, in: Security Studies 12 (2), 43–81.
  • Singer, P.W. 2002: Aids and International Security, in: Survival 44 (1), 145-158.
  • Sjörstedt, R. 2011: Health Issues and Securitization. HIV/AIDS as a US National Security Threat, in: Balzacq, Therry (ed.): Securitization Theory. How Security Problems Emerge and Dissolve, London, 150-169.

 

Workshop: Prozesse der Versicherheitlichung in medizinhistorischer Perspektive

Freitag - Samstag, 24.-25.07.2015

Dekanatsraum des Fachbereich 06 der Philipps-Universität Marburg
Wilhelm-Röpke-Str. 6C, Zimmer 5C05

 

PROGRAMM

Freitag, 24. Juli 2015

14:00 - 15:15 // Begrüßung und Einführung - Sebastian Haus (Marburg), Andrea Wiegeshoff (Marburg)

14:15 - 16:15 // Sicherheit, Versicherheitlichung und Medizingeschichte (gem. Textdiskussion)

16:15 - 16:45 // Kaffeepause

16:45 - 18:30 // Sicherheit, Versicherheitlichung und Medizingeschichte
(Fortsetzung der Diskussion auf Grundlage der laufenden medizinhistorischen Forschungsprojekte)

19:00 // Abendessen

 

Samstag, 25.07.2015

9:00 - 10:30 // Projektvorstellung: Pillen, Wundermittel, Skandale. Kultur und Sozialgeschichte des Arzneimittelgebrauchs in Frankreich und Deutschland, ca. 1950-1990 - Nils Kessel (Straßburg)

10:30 - 11:00 // Kaffeepause

11:00 - 12:30 // Wissenschaftliche Texte als Quellen der Medizingeschichte (Diskussion)

12:30 - 13:00 // Abschlussdiskussion

 

Bericht

Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind innerhalb des weiten Feldes der Security Studies viele politikwissenschaftliche Arbeiten erschienen, die sich dem Zusammenhang zwischen Sicherheit und Gesundheit in den internationalen Beziehungen widmen. Dabei dominiert ein analytischer Zugang, der die diskursiven Prozesse der Versicherheitlichung in den Mittelpunkt stellt, durch die unterschiedliche Themen aus dem Bereich der Medizin und Gesundheit als akute Probleme der nationalen und internationalen Sicherheit dargestellt werden (MacLean 2008). In diesem Zusammenhang bilden pandemische Szenarien und der Schutz vor Infektionskrankheiten vor dem Hintergrund einer eng verflochtenen, globalisierten Welt den wichtigsten Untersuchungsgegenstand (Davies 2008; Peterson 2002/3). Dass sich die Security Studies mehr und mehr für Seuchen interessieren, wird in der Literatur immer wieder auf eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates im Januar 2000 zurückgeführt. Mit HIV/AIDS wurde in dieser Sitzung erstmals ein medizinisches Thema im höchsten Gremium der UN verhandelt, das sich bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf militärische Bedrohungslagen und damit auf klassische Sicherheitsthemen konzentriert hatte (vgl. Singer 2002; McInnes 2006; McInnes/Rushton 2013). Die politischen, sozialen und ethischen Implikationen der Versicherheitlichung von Epidemien, die Interessen der beteiligten Akteure und die Folgen für die Betroffenen werden seither intensiv diskutiert (vgl. Elbe 2006, 2008; Peterson 2002/3; Sjörstedt 2011). Im Zusammenhang mit Pandemien wie SARS im Jahr 2003 und der Schweinegrippe sechs Jahre später weisen Filder (2004) und Hanrieder/Kreuder-Sonnen (2014) beispielsweise auf die besondere Rolle der WHO hin, der es gelungen sei, durch die  Thematisierung der Infektionskrankheiten in den Semantiken des Notstands und der Ausnahme eine “institutionalization of emergency powers” zu erreichen, wodurch sich der politische Spielraum von WHO-Experten erheblich erweitert habe.

Auch wenn diese Studien klassische Themen der Medizingeschichte berühren, fehlt ihnen nahezu ausnahmslos eine historische Dimension. Dabei kann die Medizingeschichte eine überaus reichhaltige Forschung zur Geschichte der Seuchen und anderer Gesundheitsprobleme vorweisen. Der Workshop möchte sich deshalb eine doppelte Aufgabe setzen: Einerseits möchte er das heuristische und analytische Potential des Versicherheitlichungskonzepts für die Medizingeschichte diskutieren; andererseits versucht er, Ansatzpunkte für eine medizinhistorische Differenzierung der politikwissenschaftlichen Security Studies zu identifizieren. Der Workshop erhofft sich davon Impulse für eine theoretisch reflektierte Sozial- und Kulturgeschichte der Medizin: zum einen, weil die Theorie der Versicherheitlichung auf die epistemologischen und medialen Voraussetzungen in der Konstruktion und Diskursivierung politischer Problemstellungen großen Wert legt und daher theoretische Innovationen für die Untersuchung von Austauschprozessen zwischen medizinischen Expertenzirkeln und öffentlichen Problemdiskursen verspricht. Zum anderen beleuchtet sie Aussagen, Medien und Praktiken der Dramatisierung, die in medizinhistorischen Zusammenhängen, etwa in der Popularisierung und Institutionalisierung der Bakteriologie, eine große Rolle gespielt haben. Auch hier möchte der Workshop das Erkenntnispotential der securitization theory ausloten.

 

Literatur

  • Davies, Sara E. 2008: Securitizing Infectious Disease, in: International Affairs 84 (2), 295-313.
    Elbe, Stefan 2006: Should HIV/AIDS be securitized? The Ethical Dilemmas of Linking HIV/AIDS and Security, in: International Studies Quarterly 50, 119-144.
  • Elbe, Stefan 2008: Risking Lives. AIDS, Security and Three Concepts of Risk, in: Security Dialogue 39 (2-3), 177-198.
  • Fidler, David P. 2004: SARS. Governance and the Globalization of Disease, New York.
  • MacLean, Sandra J. 2008: Microbes, Mad Cows and Militaries. Exploring the Links Between Health and Security, in: Security Dialogue 39 (5), 475-494.
  • McInnes, Colin 2006: HIV/AIDS and Security, in: International Affairs 82 (2), 315-326.
  • McInnes, Colin/Rushton, Simon 2013: HIV/AIDS and Securitization Theory, in: European Journal of International Relations 19 (1), 115-138.
  • Peterson, Susan, 2002/3: Epidemic Disease and National Security, in: Security Studies 12 (2), 43–81.
  • Singer, P.W. 2002: Aids and International Security, in: Survival 44 (1), 145-158.
  • Sjörstedt, R. 2011: Health Issues and Securitization. HIV/AIDS as a US National Security Threat, in: Balzacq, Therry (ed.): Securitization Theory. How Security Problems Emerge and Dissolve, London, 150-169.