Vortrag "Kriegsräson über Völkerrecht? - Entstehung, Auslegung und Reform des Giftverbots in Art. 23 lit.a HLKO" von Prof. Dr. Miloš Vec (Wien)

Montag, 02. Mai 2016 // ab 18 Uhr (s.t.)

Justus-Liebig-Universität Gießen | Dekanatssitzungssaal, FB 01 - Rechtswissenschaft | Licher Str. 72, 1. OG links | 35394 Gießen

 

↓ English Version

 

Bericht: Prof. Dr. Vec referierte über Entstehung, Auslegung und Reform des Giftverbots in Art. 23 lit. a HLKO

Für den Abend des 02. Mai hatte die Professur für Öffentliches Recht und Völkerrecht zu einem Vortrag "Kriegsräson über Völkerrecht? Entstehung, Auslegung und Reform des Giftverbots in Art. 23 Lit.a HLKO" von Prof. Dr. Miloš Vec eingeladen. Professor Vec ist Inhaber des Lehrstuhls für europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien und ist ein renommierter Völkerrechtshistoriker. Daher war es eine besondere Freude, ihn für einen Vortrag an der JLU gewonnen zu haben. Seine Zusage wurde auch durch das Erscheinen vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Gießen und Marburg gewürdigt, darunter Prof. Dr. em. Heinhard Steiger, Prof. Dr. Anette Baumann, Prof. Dr. Horst Carl, Prof. Dr. Eckart Conze und Prof. Dr. Marietta Auer. Im Dekanatssitzungssaal eröffnete und moderierte Marie-Christin Stenzel die Veranstaltung. Frau Stenzel ist Doktorandin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht von Prof. Dr. Thilo Marauhn im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Dynamiken der Sicherheit", der gemeinsam mit dem Gießener Graduiertenzentrum Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (GGS) und dem Franz-von-Liszt-Institut für internationales Recht und Rechtsvergleichung Veranstalter war.

 
In seinem Vortrag skizzierte Prof. Vec nach einer kurzen Einführung und einer historischen Kontextualisierung die von ihm untersuchten drei Phasen der Genese des Giftverbots als Norm: vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Hierbei legte er den Fokus auf den wissenschaftlichen Diskurs des Giftverbots und nicht auf dessen mediale Aufarbeitung. Prof. Vec zeigte auf, wie insbesondere im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Rechtsoptimismus vorzuherrschen schien, welcher in einer Vielzahl von völkerrechtlichen Publikationen seinen Niederschlag fand. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen konzentrierte er sich auf die Frage, ob und inwieweit Gaswaffen von Art. 23 lit.a HKLO erfasst waren und sind. Vor dem Ersten Weltkrieg seien Gasangriffen technisch nicht vorstellbar gewesen und daher nicht debattiert worden. Dies habe sich geändert durch den deutschen Gasangriff von 1915 bei Ypern. Überraschenderweise sei im akademischen Diskurs die Verwendung von Gas entweder gar nicht oder stark politisiert und national aufgeladen erörtert worden. Gleichzeitig wurden Gaswaffen nicht mit Art. 23 lit.a HKLO in Verbindung gebracht, noch wollte man sie rechtlich verboten sehen. Prof. Vec sprach in diesem Kontext von einer Rechtsvermeidungsagenda. Daher rührte auch der Titel des Vortrages "Kriegsräson über Völkerrecht" im Sinne von "Not kennt kein Gebot". Um die Möglichkeiten in der Kriegsführungsstrategie nicht zu begrenzen, seien das geltende Völkerrecht und das Giftverbot teilweise bewusst ausgeblendet worden. Erst nach dem Ende des Krieges habe sich das Giftverbot bezüglich Gaswaffen zu einer positiven Rechtsnorm entwickelt, welche aber bis in die Gegenwart immer wieder verletzt worden sei.
In der sich anschließenden Diskussion wurde über das Konzept von Rechtsvermeidung debattiert, ebenso wollte man die nachgezeichnete Entwicklung in Bezug setzen zur Zeitgeschichte (Atomwaffen) und Neueren Geschichte (Kolonialrecht) sowie dem Seekriegsrecht (U-Bootkrieg). Auch wurde darüber gesprochen, ob sich bereits in der Frühen Neuzeit Handlungsmöglichkeiten im Kriegszustand fernab von moralphilosophischen Vorstellungen und dem "Völkerrecht" bewegten. Des Weiteren wurde die Diskursmächtigkeit von Juristen im Kontrast zu den Medien angeschnitten. Die Diskussion wurde insgesamt sehr angeregt geführt und war für die alle Beteiligten ebenso lehrreich wie der Vortrag von Prof. Dr. Vec selbst.Der Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht dankt Prof. Dr. Vec für sein Kommen und den erhellenden Vortrag und hofft, ihn alsbald wieder in Gießen begrüßen zu dürfen.
 

Marie-Christin Stenzel 

Larissa Sebastian

 


Report: Public International Law lecture on 2 May 2016 (Prof. Dr. Milos Vec, Wien)

Prof. Dr. Vec talked about the emergence, interpretation and reform of the Prohibition of the Use of Poison in Art. 23 lit a of the 1907 Hague Regulations (HR)

 
The Department of Public Law and International Law had invited to a presentation of Prof. Dr. Miloš Vec on "Military Necessity before International Law? Emergence, interpretation and reform of the Prohibition of the Use of Poison provided in Art. 23 lit a HR" on the evening of 2 May 2016. Mr Vec is Professor at the Department of European Legal and Constitutional History at the University of Vienna and an eminent expert of the history of International Law. Hence the University of Giessen was very pleased to welcome him. Many academics from the universities of Gießen and Marburg attended his presentation; amongst them Prof. Dr. Marietta Auer, Prof. Dr. Anette Baumann, Prof. Dr. Horst Carl, Prof. Dr. Eckart Conze and Prof. Dr. em. Heinhard Steiger. The lecture took place in the Law Faculty's deanery and was opened as well as chaired by research assistant Marie-Christin Stenzel. Miss Stenzel is currently a phD student under Prof. Dr. Thilo Marauhn's doctoral supervision at the Department of Public Law and International Law within the collaborative and interdisciplinary research network "Dynamics of Security - Processes of Securitization in historical perspective". This project, funded by the German Research Foundation (DFG), kindly hosted Prof. Dr. Vec presentation and stay at the Justus-Liebig-University in collaboration with the Giessen Graduate Centre for Social Sciences, Business, Economics and Law (GGS) and the Franz-von-Liszt-Institute for International and Comparative Law.
 
After a brief introduction to the broader historical context Prof. Vec outlined the three major phases of the emergence of the prohibition of the use of poison as a norm, namely the years before, during and after the First World War. Prof. Vec focused on the scientific discourse circulating around the Prohibition of the Use of Poison instead of media exposure at the time. Subsequently, Prof. Vec described the prevailing optimism in reference to the formation of a international legal order which resulted in numerous publications especially in Germany. He then discussed the central question if and to what extent poisoned gas was and is covered by Art. 23 lit.a HR. Before the First World War the idea of military attacks by means of gas had been unimaginably in view of the contemporary technical progress. Thus, gas as a weapon in modern warfare had not been discussed before 1915. That year convictions decisively changed due to the German offence involving poisoned gas at the Second Battle of Ypres. According to Prof. Vec, it is striking that the scientific discourse relating to the use of gas was either rather dormant or strongly politicised and nationally biased. At the same time, poisonous gas was neither associated with Art. 23 lit.a HR nor were any efforts made to see it legally prohibited. Prof. Vec termed this agenda 'avoidance of law-making' ('Rechtsvermeidung') which is why he also titled his presentation "Military Necessity before International Law?", alluding to the notion of "necessity knows no law". Prof. Vec believes that in order to maintain freedom of action concerning warfare strategy, international law and the prohibition of the use of poison were deliberately ignored. Only after World War I did the prohibition of the use of poison expand to cover poisonous gas and developed into a positive norm of international law. Sadly this norm is nonetheless still violated up to this present day.
 
The subsequent discussion featured critical input on the concept of the avoidance of law-making as well as parallels to contemporary history (nuclear weapons), modern history (colonial legal systems) and maritime law (submarine warfare). In addition, the attendants reflected whether similar patterns of behaviour could be traced down into the early modern period and, more specifically, if wartime actions had been isolated from contemporary moral philosophy and "international legal order". Lastly, the discussion focused on the discursive impact of legal scholars as oppsed to the media. Overall, the debate as well as Prof. Vec presentation were very inspiring and instructive for all those involved.

The Department of Public Law and International Law thanks Prof. Vec most sincerely and hopes to welcome him back to Giessen in the future.

 

Marie-Christin Stenzel

Larissa Sebastian

 

 

 

 

Vortrag "Kriegsräson über Völkerrecht? - Entstehung, Auslegung und Reform des Giftverbots in Art. 23 lit.a HLKO" von Prof. Dr. Miloš Vec (Wien)

Montag, 02. Mai 2016 // ab 18 Uhr (s.t.)

Justus-Liebig-Universität Gießen | Dekanatssitzungssaal, FB 01 - Rechtswissenschaft | Licher Str. 72, 1. OG links | 35394 Gießen

 

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Bericht: Prof. Dr. Vec referierte über Entstehung, Auslegung und Reform des Giftverbots in Art. 23 lit. a HLKO

Für den Abend des 02. Mai hatte die Professur für Öffentliches Recht und Völkerrecht zu einem Vortrag "Kriegsräson über Völkerrecht? Entstehung, Auslegung und Reform des Giftverbots in Art. 23 Lit.a HLKO" von Prof. Dr. Miloš Vec eingeladen. Professor Vec ist Inhaber des Lehrstuhls für europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien und ist ein renommierter Völkerrechtshistoriker. Daher war es eine besondere Freude, ihn für einen Vortrag an der JLU gewonnen zu haben. Seine Zusage wurde auch durch das Erscheinen vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Gießen und Marburg gewürdigt, darunter Prof. Dr. em. Heinhard Steiger, Prof. Dr. Anette Baumann, Prof. Dr. Horst Carl, Prof. Dr. Eckart Conze und Prof. Dr. Marietta Auer. Im Dekanatssitzungssaal eröffnete und moderierte Marie-Christin Stenzel die Veranstaltung. Frau Stenzel ist Doktorandin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht von Prof. Dr. Thilo Marauhn im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Dynamiken der Sicherheit", der gemeinsam mit dem Gießener Graduiertenzentrum Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (GGS) und dem Franz-von-Liszt-Institut für internationales Recht und Rechtsvergleichung Veranstalter war.

 
In seinem Vortrag skizzierte Prof. Vec nach einer kurzen Einführung und einer historischen Kontextualisierung die von ihm untersuchten drei Phasen der Genese des Giftverbots als Norm: vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Hierbei legte er den Fokus auf den wissenschaftlichen Diskurs des Giftverbots und nicht auf dessen mediale Aufarbeitung. Prof. Vec zeigte auf, wie insbesondere im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Rechtsoptimismus vorzuherrschen schien, welcher in einer Vielzahl von völkerrechtlichen Publikationen seinen Niederschlag fand. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen konzentrierte er sich auf die Frage, ob und inwieweit Gaswaffen von Art. 23 lit.a HKLO erfasst waren und sind. Vor dem Ersten Weltkrieg seien Gasangriffen technisch nicht vorstellbar gewesen und daher nicht debattiert worden. Dies habe sich geändert durch den deutschen Gasangriff von 1915 bei Ypern. Überraschenderweise sei im akademischen Diskurs die Verwendung von Gas entweder gar nicht oder stark politisiert und national aufgeladen erörtert worden. Gleichzeitig wurden Gaswaffen nicht mit Art. 23 lit.a HKLO in Verbindung gebracht, noch wollte man sie rechtlich verboten sehen. Prof. Vec sprach in diesem Kontext von einer Rechtsvermeidungsagenda. Daher rührte auch der Titel des Vortrages "Kriegsräson über Völkerrecht" im Sinne von "Not kennt kein Gebot". Um die Möglichkeiten in der Kriegsführungsstrategie nicht zu begrenzen, seien das geltende Völkerrecht und das Giftverbot teilweise bewusst ausgeblendet worden. Erst nach dem Ende des Krieges habe sich das Giftverbot bezüglich Gaswaffen zu einer positiven Rechtsnorm entwickelt, welche aber bis in die Gegenwart immer wieder verletzt worden sei.
In der sich anschließenden Diskussion wurde über das Konzept von Rechtsvermeidung debattiert, ebenso wollte man die nachgezeichnete Entwicklung in Bezug setzen zur Zeitgeschichte (Atomwaffen) und Neueren Geschichte (Kolonialrecht) sowie dem Seekriegsrecht (U-Bootkrieg). Auch wurde darüber gesprochen, ob sich bereits in der Frühen Neuzeit Handlungsmöglichkeiten im Kriegszustand fernab von moralphilosophischen Vorstellungen und dem "Völkerrecht" bewegten. Des Weiteren wurde die Diskursmächtigkeit von Juristen im Kontrast zu den Medien angeschnitten. Die Diskussion wurde insgesamt sehr angeregt geführt und war für die alle Beteiligten ebenso lehrreich wie der Vortrag von Prof. Dr. Vec selbst.Der Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht dankt Prof. Dr. Vec für sein Kommen und den erhellenden Vortrag und hofft, ihn alsbald wieder in Gießen begrüßen zu dürfen.
 

Marie-Christin Stenzel 

Larissa Sebastian

 


Report: Public International Law lecture on 2 May 2016 (Prof. Dr. Milos Vec, Wien)

Prof. Dr. Vec talked about the emergence, interpretation and reform of the Prohibition of the Use of Poison in Art. 23 lit a of the 1907 Hague Regulations (HR)

 
The Department of Public Law and International Law had invited to a presentation of Prof. Dr. Miloš Vec on "Military Necessity before International Law? Emergence, interpretation and reform of the Prohibition of the Use of Poison provided in Art. 23 lit a HR" on the evening of 2 May 2016. Mr Vec is Professor at the Department of European Legal and Constitutional History at the University of Vienna and an eminent expert of the history of International Law. Hence the University of Giessen was very pleased to welcome him. Many academics from the universities of Gießen and Marburg attended his presentation; amongst them Prof. Dr. Marietta Auer, Prof. Dr. Anette Baumann, Prof. Dr. Horst Carl, Prof. Dr. Eckart Conze and Prof. Dr. em. Heinhard Steiger. The lecture took place in the Law Faculty's deanery and was opened as well as chaired by research assistant Marie-Christin Stenzel. Miss Stenzel is currently a phD student under Prof. Dr. Thilo Marauhn's doctoral supervision at the Department of Public Law and International Law within the collaborative and interdisciplinary research network "Dynamics of Security - Processes of Securitization in historical perspective". This project, funded by the German Research Foundation (DFG), kindly hosted Prof. Dr. Vec presentation and stay at the Justus-Liebig-University in collaboration with the Giessen Graduate Centre for Social Sciences, Business, Economics and Law (GGS) and the Franz-von-Liszt-Institute for International and Comparative Law.
 
After a brief introduction to the broader historical context Prof. Vec outlined the three major phases of the emergence of the prohibition of the use of poison as a norm, namely the years before, during and after the First World War. Prof. Vec focused on the scientific discourse circulating around the Prohibition of the Use of Poison instead of media exposure at the time. Subsequently, Prof. Vec described the prevailing optimism in reference to the formation of a international legal order which resulted in numerous publications especially in Germany. He then discussed the central question if and to what extent poisoned gas was and is covered by Art. 23 lit.a HR. Before the First World War the idea of military attacks by means of gas had been unimaginably in view of the contemporary technical progress. Thus, gas as a weapon in modern warfare had not been discussed before 1915. That year convictions decisively changed due to the German offence involving poisoned gas at the Second Battle of Ypres. According to Prof. Vec, it is striking that the scientific discourse relating to the use of gas was either rather dormant or strongly politicised and nationally biased. At the same time, poisonous gas was neither associated with Art. 23 lit.a HR nor were any efforts made to see it legally prohibited. Prof. Vec termed this agenda 'avoidance of law-making' ('Rechtsvermeidung') which is why he also titled his presentation "Military Necessity before International Law?", alluding to the notion of "necessity knows no law". Prof. Vec believes that in order to maintain freedom of action concerning warfare strategy, international law and the prohibition of the use of poison were deliberately ignored. Only after World War I did the prohibition of the use of poison expand to cover poisonous gas and developed into a positive norm of international law. Sadly this norm is nonetheless still violated up to this present day.
 
The subsequent discussion featured critical input on the concept of the avoidance of law-making as well as parallels to contemporary history (nuclear weapons), modern history (colonial legal systems) and maritime law (submarine warfare). In addition, the attendants reflected whether similar patterns of behaviour could be traced down into the early modern period and, more specifically, if wartime actions had been isolated from contemporary moral philosophy and "international legal order". Lastly, the discussion focused on the discursive impact of legal scholars as oppsed to the media. Overall, the debate as well as Prof. Vec presentation were very inspiring and instructive for all those involved.

The Department of Public Law and International Law thanks Prof. Vec most sincerely and hopes to welcome him back to Giessen in the future.

 

Marie-Christin Stenzel

Larissa Sebastian