Master Class "Soziologie und Geschichte der Prävention"

mit einem Abendvortrag von Prof. Dr. Ulrich Bröckling

Mittwoch - Donnerstag, 27. - 28. April 2016

Philipps-Universität Marburg | Wilhelm-Röpke-Straße 6c | 35032 Marburg

 

 Konzept

 

Programm

Mittwoch, 27. April 2016, ab 18 Uhr

Hörsaal 09C12

 Abendvortrag von Prof. Dr. Ulrich Bröckling:
"Soziologie und Geschichte der Prävention"

 

Donnerstag, 28. April 2016, 10-14 Uhr

Raum 01C09

Workshop: "Soziologie und Geschichte der Prävention"

 

 

Konzept

Das Erkenntnissinteresse der Master Class gilt der Soziologie und Geschichte der Prävention. Es geht also um einen doppelten Zugriff auf das Thema Prävention: theoretisch-systematisierend und historisierend. Die Master Class zielt erstens darauf, Begriff und Konzept der Prävention sowie entsprechende Analyseinstrumente zu klären. Darauf aufbauend wollen wir zweitens die Historizität von Prävention untersuchen und insbesondere die Konturen verschiedener Präventionsregime und -paradigmen in unterschiedlichen Phasen des langen 20. Jahrhunderts (ca. 1890 – ca. 2000) diskutieren.In dieser Hinsicht wendet sich die Master Class einer konzeptionellen Lücke des Sonderforschungsbereichs zu, der zwar die Existenz von präventiv ausgerichteten Sicherheitsroutinen im Blick hat, das Verhältnis zwischen Sicherheitsroutinen und dem zentralen Analysebegriff der Versicherheitlichung jedoch noch weitgehend unbestimmt lässt. Im ursprünglichen Sinne der Copenhagen School zielt der Begriff der Versicherheitlichung auf den Sprechakt eines politischen Akteurs, der ein bestimmtes Phänomen in Semantiken der Krise, der Bedrohung oder des Notstands darstellt. Dadurch entzieht er die Behandlung dieses Phänomens der normalen, deliberativen Politik und leitet exzeptionelle – etwa polizeiliche oder militärische – Maßnahmen ein. Prozesse der Versicherheitlichung führen somit diskursiv eine dringliche Entscheidungssituation herbei, die einen Bruch zu herkömmlichen bzw. traditionellen Logiken des Politischen in Sicherheits- und Gefahrenszenarien markiert. Die Herbeiführung dieser Entscheidungssituation, die „Macht zur Versicherheitlichung“ (Langenohl, Andreas: Eine Typologie von Sicherheitsmacht, SFB Working Paper, 22. Januar 2015, S. 5.), hängt allerdings im Wesentlichen davon ab, in welchem Assoziations- und Interdependenzgeflecht sich der Akteur zu anderen (menschlichen und nicht-menschlichen) Akteuren befindet.

Die Prozesse der Darstellung und Herstellung von Sicherheit, und damit das zentrale Erkenntnisziel des SFB, können jedoch nicht auf solche diskursiv geschaffenen Ausnahmezustände reduziert werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Behandlung von Sicherheitsproblemen häufig auch in nichtpolitisierten und routinisierten Bahnen verläuft. So hat Michel Foucault beispielsweise die Entstehung sogenannter Sicherheitsdispositive herausgearbeitet, die sich, so seine These, ab dem 18. Jahrhundert in verschiedenen Bereichen ausgebildet haben (Siehe dazu: Foucault, Michel: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I, Frankfurt/Main 2004.  präventiven Handelns, herauszuarbeiten und sie in Bezug zum Konzept der securitization zu setzen.). Im Hinblick auf das Thema der Master Class ist entscheidend, dass ein Sicherheitsdispositiv auch ohne akute Bedrohungen systematisch und kontinuierlich Wissen über bestimmte Phänomene erheben kann, damit vorbeugend das Auftreten ungewünschter Ereignisse verhindert wird. Sicherheitsdispositive sind daher als Infrastrukturen des Wissens zu verstehen, die im subpolitischen Raum die Latenz von Sicherheitsproblemen betreffen. Sie funktionieren mit anderen Worten nicht nach der Logik eines Ausnahmezustands, wie ihn die Copenhagen School bei Prozessen der Versicherheitlichung unterstellt, sondern nach der Logik der Prävention.Ausgehend von diesen Überlegungen beabsichtigt die Master Class erstens, den Begriff der Prävention näher zu bestimmen und seine spezifische Logik, oder genauer: die epistemischen Voraussetzungen präventiven Handelns, herauszuarbeiten und sie in Bezug zum Konzept der securitization zu setzen.

Folgende Thesen sollen dabei die Diskussion zur Soziologie der Prävention anstoßen (Die folgenden Überlegungen beruhen auf Bröckling, Ulrich: Vorbeugen ist besser … Zur Soziologie der Prävention, in: Behemoth 1/2008, S. 38-48, und Hempel, Leon u.a. (Hg.): Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2011.):

  1. Prävention und Zeit: Prävention liegt ein spezifisches Verständnis von Zeit, insbesondere von Zukunft, zugrunde. Im Modus der Prävention werden Zukünfte antizipiert, es wird ein Zusammenhang dieser Zukünfte mit gegenwärtigen Wirklichkeiten angenommen und versucht, durch entsprechende Interventionen den Eintritt ebenjener Zukünfte zu beeinflussen bzw. zu verhindern. Prävention ist somit ein Beispiel für die modernetypische „Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung“ (M. Makropoulos).
    Was bedeutet ein solches Verständnis von Zeit für präventives Handeln? Wie verändern sich Vorstellungen von Zukunft, wenn sie durch präventives Denken immer schon vergegenwärtigt werden, bzw. wie verändert sich Prävention, wenn sich Zeit- und Zukunftsverständnisse wandeln? Wie geht Prävention mit nicht-intendierten, nicht-antizipierten Zukünften um? Welche konkurrierenden Zeitregime lassen sich in Bezug auf die Referenzobjekte präventiver Politik ausmachen?
  2. Prävention und ‚Gesellschaft: Neben diesem Zeitverständnis setzt die Rationalität der Prävention die Existenz einer eigenständigen Realität des „Sozialen“ voraus, die sich ontologisch trennen lässt von einer Sphäre der Natur. Anders ausgedrückt: Die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft ist konstitutiv für präventives Handeln. Das (sozialwissenschaftliche) Wissen über diese Realität des Sozialen, über Normverteilungen, Gesetzmäßigkeiten innerhalb sozialer Beziehungen oder über die psychologische Verfasstheit des Gesellschaftsmenschen, sind wesentliche Bedingungen für eine präventive Politik.
    Was bedeutet es vor dem Hintergrund dieser konstitutiven Unterscheidung von Natur und Gesellschaft für präventives Handeln, wenn sich die Konzeptionen des Sozialen und des Natürlichen wandeln, wenn etwa keine ontologische Trennung zwischen der sozialen und der natürlichen Welt mehr unterstellt wird?
    Welche Konsequenzen ergeben sich etwa für die Zuordnung von Gefahren, für die Vorstellung und Adressierung von Technik, natürlichen oder sonstigen nicht-menschlichen Dingen in präventiven Sicherheitspolitiken?
  3. Prävention und Latenz: Latenz ist ein entscheidendes Merkmal der Referenzobjekte präventiver Politik. Gefahren sind potentielle Ereignisse in der Zukunft, die vermessen und kalkuliert werden müssen, um sie zu stabilisieren und handhabbar zu machen. Die Sicherheitsprobleme der Prävention befinden sich somit in einem prekären und paradoxen Zustand des latenten „Noch-Nicht“, dessen Gefährlichkeit sich zwar erst in einer möglichen Zukunft realisiert, der als solcher Zustand aber schon in der Gegenwart angelegt ist und eine eigentümliche politische Präsenz besitzt. Wie geht Prävention mit dieser paradoxen Latenz um, wie stellt sie latente Gefährdungen dar, wie visualisiert sie sie? Welche Kalküle, Instrumente und Praktiken wendet sie an, um Latenzen zu stabilisieren, zu handhaben?

Den zweiten Schwerpunkt der Master Class bildet die Diskussion von Thesen zur Geschichte der Prävention im langen 20. Jahrhundert. Bezugnehmend auf jüngere Arbeiten der Zeitgeschichte (V.a. Etzemüller, Thomas: Social Engineering als Verhaltenslehre des kühlen Kopfes, in: Ders. (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 11-39; van Laak, Dirk: Planung. Geschichte und Gegenwart des Vorgriffs auf die Zukunft, in: Geschichte und Gesellschaft, 34/2008, S. 305-326; Lengwiler, Martin/Beck, Stefan: Historizität, Materialität und Hybridität von Wissenspraxen. Die Entwicklung europäischer Präventionsregime im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 34/2008, S. 489-523, sowie: Thießen, Malte: Gesundheit erhalten, Gesellschaft gestalten. Konzepte und Praktiken der Vorsorge im 20. Jahrhundert: Eine Einführung, in: Zeithistorische Forschungen 3/2013, S. 354-365.) versucht die Master Class Konturen und Transformationen von Präventionsregimen zwischen 1890 und der Gegenwart zu erörtern. Den Ausgangspunkt bildet die folgende thesenhafte Unterscheidung zweier epochaler Phasen (und einer Übergangsphase), die sich unter anderem in ihrem Zeitverständnis, in der Logik der Darstellung und Herstellung von Sicherheit und in der Form der Problematisierung von Gefahrenphänomenen unterscheiden. Dabei soll auch der Versuch
unternommen werden, im Rahmen einer Geschichte der Prävention das Konzept der Versicherheitlichung selbst zu historisieren:

  1. 1890 bis 1960/70: die Phase des Aufstiegs und der Etablierung eines sozialtechnologischen Planungsregimes (Epoche des Social Engineering):
    - Zeitverständnis: Geschichte/Fortschritt
    - Sicherheitslogik: Bakteriologie (absolute Ausmerzung von Gefahren, totaler Gestaltungsanspruch etc.)
    - Form der Problematisierung von Gefahren: Expertendiskurse, Technokratie
  2. 1960/70 bis 1990 – eine Phase der Krise, Kritik und Reorientierung der Prävention
    - Zeitverständnis: Geschichte/Posthistoire; Fortschritt(sskepsis)
    - Sicherheitslogiken: Individualisierung
    - Form der Problematisierung von Gefahren: Gleichzeitigkeit von Expertendiskursen einerseits und Formen der securitization andererseits
  3. 1990 bis heute – Aufstieg eines Precaution-Regimes:
    - Zeitverständnis: Posthistoire
    - Sicherheitslogik: Immunologie bzw. Ökologie (Resilienz, Gleichgewicht, relative Sicherheit, Aufhebung der Trennung zwischen ‚Natur‘ und ‚Gesellschaft‘ etc.)
    - Form der Problematisierung von Gefahren: securitization

 

Tilmann Grabbe, Sebastian Haus, Steffen Henne

 

 

 

Master Class "Soziologie und Geschichte der Prävention"

mit einem Abendvortrag von Prof. Dr. Ulrich Bröckling

Mittwoch - Donnerstag, 27. - 28. April 2016

Philipps-Universität Marburg | Wilhelm-Röpke-Straße 6c | 35032 Marburg

 

 Konzept

 

Programm

Mittwoch, 27. April 2016, ab 18 Uhr

Hörsaal 09C12

 Abendvortrag von Prof. Dr. Ulrich Bröckling:
"Soziologie und Geschichte der Prävention"

 

Donnerstag, 28. April 2016, 10-14 Uhr

Raum 01C09

Workshop: "Soziologie und Geschichte der Prävention"

 

 

Konzept

Das Erkenntnissinteresse der Master Class gilt der Soziologie und Geschichte der Prävention. Es geht also um einen doppelten Zugriff auf das Thema Prävention: theoretisch-systematisierend und historisierend. Die Master Class zielt erstens darauf, Begriff und Konzept der Prävention sowie entsprechende Analyseinstrumente zu klären. Darauf aufbauend wollen wir zweitens die Historizität von Prävention untersuchen und insbesondere die Konturen verschiedener Präventionsregime und -paradigmen in unterschiedlichen Phasen des langen 20. Jahrhunderts (ca. 1890 – ca. 2000) diskutieren.In dieser Hinsicht wendet sich die Master Class einer konzeptionellen Lücke des Sonderforschungsbereichs zu, der zwar die Existenz von präventiv ausgerichteten Sicherheitsroutinen im Blick hat, das Verhältnis zwischen Sicherheitsroutinen und dem zentralen Analysebegriff der Versicherheitlichung jedoch noch weitgehend unbestimmt lässt. Im ursprünglichen Sinne der Copenhagen School zielt der Begriff der Versicherheitlichung auf den Sprechakt eines politischen Akteurs, der ein bestimmtes Phänomen in Semantiken der Krise, der Bedrohung oder des Notstands darstellt. Dadurch entzieht er die Behandlung dieses Phänomens der normalen, deliberativen Politik und leitet exzeptionelle – etwa polizeiliche oder militärische – Maßnahmen ein. Prozesse der Versicherheitlichung führen somit diskursiv eine dringliche Entscheidungssituation herbei, die einen Bruch zu herkömmlichen bzw. traditionellen Logiken des Politischen in Sicherheits- und Gefahrenszenarien markiert. Die Herbeiführung dieser Entscheidungssituation, die „Macht zur Versicherheitlichung“ (Langenohl, Andreas: Eine Typologie von Sicherheitsmacht, SFB Working Paper, 22. Januar 2015, S. 5.), hängt allerdings im Wesentlichen davon ab, in welchem Assoziations- und Interdependenzgeflecht sich der Akteur zu anderen (menschlichen und nicht-menschlichen) Akteuren befindet.

Die Prozesse der Darstellung und Herstellung von Sicherheit, und damit das zentrale Erkenntnisziel des SFB, können jedoch nicht auf solche diskursiv geschaffenen Ausnahmezustände reduziert werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Behandlung von Sicherheitsproblemen häufig auch in nichtpolitisierten und routinisierten Bahnen verläuft. So hat Michel Foucault beispielsweise die Entstehung sogenannter Sicherheitsdispositive herausgearbeitet, die sich, so seine These, ab dem 18. Jahrhundert in verschiedenen Bereichen ausgebildet haben (Siehe dazu: Foucault, Michel: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I, Frankfurt/Main 2004.  präventiven Handelns, herauszuarbeiten und sie in Bezug zum Konzept der securitization zu setzen.). Im Hinblick auf das Thema der Master Class ist entscheidend, dass ein Sicherheitsdispositiv auch ohne akute Bedrohungen systematisch und kontinuierlich Wissen über bestimmte Phänomene erheben kann, damit vorbeugend das Auftreten ungewünschter Ereignisse verhindert wird. Sicherheitsdispositive sind daher als Infrastrukturen des Wissens zu verstehen, die im subpolitischen Raum die Latenz von Sicherheitsproblemen betreffen. Sie funktionieren mit anderen Worten nicht nach der Logik eines Ausnahmezustands, wie ihn die Copenhagen School bei Prozessen der Versicherheitlichung unterstellt, sondern nach der Logik der Prävention.Ausgehend von diesen Überlegungen beabsichtigt die Master Class erstens, den Begriff der Prävention näher zu bestimmen und seine spezifische Logik, oder genauer: die epistemischen Voraussetzungen präventiven Handelns, herauszuarbeiten und sie in Bezug zum Konzept der securitization zu setzen.

Folgende Thesen sollen dabei die Diskussion zur Soziologie der Prävention anstoßen (Die folgenden Überlegungen beruhen auf Bröckling, Ulrich: Vorbeugen ist besser … Zur Soziologie der Prävention, in: Behemoth 1/2008, S. 38-48, und Hempel, Leon u.a. (Hg.): Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2011.):

  1. Prävention und Zeit: Prävention liegt ein spezifisches Verständnis von Zeit, insbesondere von Zukunft, zugrunde. Im Modus der Prävention werden Zukünfte antizipiert, es wird ein Zusammenhang dieser Zukünfte mit gegenwärtigen Wirklichkeiten angenommen und versucht, durch entsprechende Interventionen den Eintritt ebenjener Zukünfte zu beeinflussen bzw. zu verhindern. Prävention ist somit ein Beispiel für die modernetypische „Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung“ (M. Makropoulos).
    Was bedeutet ein solches Verständnis von Zeit für präventives Handeln? Wie verändern sich Vorstellungen von Zukunft, wenn sie durch präventives Denken immer schon vergegenwärtigt werden, bzw. wie verändert sich Prävention, wenn sich Zeit- und Zukunftsverständnisse wandeln? Wie geht Prävention mit nicht-intendierten, nicht-antizipierten Zukünften um? Welche konkurrierenden Zeitregime lassen sich in Bezug auf die Referenzobjekte präventiver Politik ausmachen?
  2. Prävention und ‚Gesellschaft: Neben diesem Zeitverständnis setzt die Rationalität der Prävention die Existenz einer eigenständigen Realität des „Sozialen“ voraus, die sich ontologisch trennen lässt von einer Sphäre der Natur. Anders ausgedrückt: Die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft ist konstitutiv für präventives Handeln. Das (sozialwissenschaftliche) Wissen über diese Realität des Sozialen, über Normverteilungen, Gesetzmäßigkeiten innerhalb sozialer Beziehungen oder über die psychologische Verfasstheit des Gesellschaftsmenschen, sind wesentliche Bedingungen für eine präventive Politik.
    Was bedeutet es vor dem Hintergrund dieser konstitutiven Unterscheidung von Natur und Gesellschaft für präventives Handeln, wenn sich die Konzeptionen des Sozialen und des Natürlichen wandeln, wenn etwa keine ontologische Trennung zwischen der sozialen und der natürlichen Welt mehr unterstellt wird?
    Welche Konsequenzen ergeben sich etwa für die Zuordnung von Gefahren, für die Vorstellung und Adressierung von Technik, natürlichen oder sonstigen nicht-menschlichen Dingen in präventiven Sicherheitspolitiken?
  3. Prävention und Latenz: Latenz ist ein entscheidendes Merkmal der Referenzobjekte präventiver Politik. Gefahren sind potentielle Ereignisse in der Zukunft, die vermessen und kalkuliert werden müssen, um sie zu stabilisieren und handhabbar zu machen. Die Sicherheitsprobleme der Prävention befinden sich somit in einem prekären und paradoxen Zustand des latenten „Noch-Nicht“, dessen Gefährlichkeit sich zwar erst in einer möglichen Zukunft realisiert, der als solcher Zustand aber schon in der Gegenwart angelegt ist und eine eigentümliche politische Präsenz besitzt. Wie geht Prävention mit dieser paradoxen Latenz um, wie stellt sie latente Gefährdungen dar, wie visualisiert sie sie? Welche Kalküle, Instrumente und Praktiken wendet sie an, um Latenzen zu stabilisieren, zu handhaben?

Den zweiten Schwerpunkt der Master Class bildet die Diskussion von Thesen zur Geschichte der Prävention im langen 20. Jahrhundert. Bezugnehmend auf jüngere Arbeiten der Zeitgeschichte (V.a. Etzemüller, Thomas: Social Engineering als Verhaltenslehre des kühlen Kopfes, in: Ders. (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 11-39; van Laak, Dirk: Planung. Geschichte und Gegenwart des Vorgriffs auf die Zukunft, in: Geschichte und Gesellschaft, 34/2008, S. 305-326; Lengwiler, Martin/Beck, Stefan: Historizität, Materialität und Hybridität von Wissenspraxen. Die Entwicklung europäischer Präventionsregime im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 34/2008, S. 489-523, sowie: Thießen, Malte: Gesundheit erhalten, Gesellschaft gestalten. Konzepte und Praktiken der Vorsorge im 20. Jahrhundert: Eine Einführung, in: Zeithistorische Forschungen 3/2013, S. 354-365.) versucht die Master Class Konturen und Transformationen von Präventionsregimen zwischen 1890 und der Gegenwart zu erörtern. Den Ausgangspunkt bildet die folgende thesenhafte Unterscheidung zweier epochaler Phasen (und einer Übergangsphase), die sich unter anderem in ihrem Zeitverständnis, in der Logik der Darstellung und Herstellung von Sicherheit und in der Form der Problematisierung von Gefahrenphänomenen unterscheiden. Dabei soll auch der Versuch
unternommen werden, im Rahmen einer Geschichte der Prävention das Konzept der Versicherheitlichung selbst zu historisieren:

  1. 1890 bis 1960/70: die Phase des Aufstiegs und der Etablierung eines sozialtechnologischen Planungsregimes (Epoche des Social Engineering):
    - Zeitverständnis: Geschichte/Fortschritt
    - Sicherheitslogik: Bakteriologie (absolute Ausmerzung von Gefahren, totaler Gestaltungsanspruch etc.)
    - Form der Problematisierung von Gefahren: Expertendiskurse, Technokratie
  2. 1960/70 bis 1990 – eine Phase der Krise, Kritik und Reorientierung der Prävention
    - Zeitverständnis: Geschichte/Posthistoire; Fortschritt(sskepsis)
    - Sicherheitslogiken: Individualisierung
    - Form der Problematisierung von Gefahren: Gleichzeitigkeit von Expertendiskursen einerseits und Formen der securitization andererseits
  3. 1990 bis heute – Aufstieg eines Precaution-Regimes:
    - Zeitverständnis: Posthistoire
    - Sicherheitslogik: Immunologie bzw. Ökologie (Resilienz, Gleichgewicht, relative Sicherheit, Aufhebung der Trennung zwischen ‚Natur‘ und ‚Gesellschaft‘ etc.)
    - Form der Problematisierung von Gefahren: securitization

 

Tilmann Grabbe, Sebastian Haus, Steffen Henne