Call for Papers

Workshop "Sicherheit und Differenz in historischer Perspektive"

4.-5. Juni 2020, Justus-Liebig-Universität Gießen

Sicherheitsdiskurse und sicherheitsbezogene Praktiken kommen ohne die Unterscheidung zwischen sicher und unsicher nicht aus. Zwangsläufig kreieren sie Differenz(en) und Grenzen, deren Ignoranz oder Überschreitung zumeist mit Unsicherheit verbunden wird. Umgekehrt stoßen nicht primär durch Sicherheit begründete soziale Gruppenbildungsprozesse und Differenzwahrnehmungen oftmals Versicherheitlichungsprozesse an. Sicherheit und Differenz sind mithin kokonstitutiv. Sicherheitsdiskurse und -praktiken vollziehen sich in einem Spannungsverhältnis, das den Umgang mit Differenz(en) betrifft. 

Überraschender Weise hat die kritische Sicherheitsforschung das Wechselverhältnis zwischen Sicherheit und Differenz bislang kaum thematisiert. Erst jüngste Einlassungen aus den Reihen der postkolonialen und feministischen Kritik heben die Relevanz von Differenzkategorien wie bspw. Geschlecht, Ethnizität/Rasse, Klasse, Alter und Religion für eine kritische Sicherheitsforschung hervor. Sicherheitsforschung – so die Kritik – ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der in hegemonialen Vorannahmen gefangen scheint. Diese verunmöglichten es, subalterne Sprechpositionen zu berücksichtigen bzw. solche Sicherheitsanliegen zu untersuchen, die im Kontext bestehender, differenzbasierter Machtverhältnisse nicht artikulierbar waren respektive sind. Die Kritik lädt zu einer intersektionalen Perspektive ein, die auch die Verwobenheit und Überkreuzung von Differenzkategorien und Phänomenen des Übergangs bzw. der Grenzüberschreitung in den Blick nimmt. Wie lässt es sich erklären, dass eine intersektionale Kritik in der Sicherheitsforschung bislang ausblieb? Ist dies möglicherweise darauf zurückzuführen, dass Sicherheitsforschung die Berücksichtigung von Intersektionalität gar nicht zulässt, weil sie auf binär strukturierte Differenz(en) angewiesen ist? Welche Einschränkungen, aber auch Chancen böte das für eine historisch interessierte Sicherheitsforschung? 

Der Workshop möchte diesen Fragen nachgehen, indem er gezielt den Zusammenhang zwischen Sicherheitsentwürfen bzw. Sicherheitshandeln und der Herausbildung, Verhandlung und Fixierung von Differenz(en) in den Blick nimmt. Gefragt werden soll insbesondere, welche Differenzkategorien im Rahmen von Sicherheitskommunikation/-handeln als relevant erachtet wurden bzw. werden und inwiefern Sicherheitshandeln an Heuristiken und entsprechenden Routinen zur Herstellung, Wahrung oder auch Infragestellung von Differenz ausgerichtet war bzw. ist. 

Wir laden Interessierte zur Einreichung eines Beitragsvorschlags ein. Folgende Fragestellungen und Aspekte sollen der Orientierung dienen, schließen aber weitere Fragen und Ideen nicht aus.

  • Wie wurden Sicherheitsmaßnahmen mit dem Verweis auf Differenz(en) begründet? Wie wurden – umgekehrt – Differenz(en) und Grenzziehungen mit dem Verweis auf Sicherheit begründet?
  • Von wem wurden Differenz(en) im Namen der Sicherheit konstruiert und reproduziert? Aus welcher Machtposition heraus und mit welchen Mitteln geschah dies?
  • Welche Differenzkategorien wurden jeweils priorisiert? Wie wurden Differenzen zueinander in Beziehung gesetzt bzw. hierarchisiert?   
  • Inwiefern und wie genau verkomplizierten intersektionale Konstellationen Sicherheitsdiskurse und in ihrem Namen ergriffene Maßnahmen – oder schlossen sie sogar aus? Bis zu welchem Punkt kann eine Sicherheitsmaßnahme überhaupt intersektional ansetzen bzw. reflektiert sein? Welche blinden Flecke gibt es in der Forschung, auch in historischer Perspektive? Welche blinden Flecke der kritischen Sicherheitsforschung kann die historische Perspektive aufzeigen?
  • Welche Techniken, Medien, Formen und Semantiken kamen in der Verhandlung von Sicherheit und Differenz zum Einsatz? 
  • Wie gestaltet sich, historisch gesehen, der Zusammenhang von Sicherheit und sozialer Gruppenbildung (in-group vs. out-group)? In welchen historischen Konstellationen führten Sicherheitspraktiken/-rhetoriken zur Einebnung oder aber zur Bekräftigung von Differenz? (z.B. Burgfriedensemantik/"United we stand, divided we fall!" vs. "Wir gegen sie!")
    • Grenzziehungen (innen/außen)
    • Binnendifferenzierung qua Schutzwürdigkeit ("Frauen und Kinder zuerst"), sicherheitsbezogene Aufgabenverteilung und darin eingeschriebene Hierarchien
    • Versicherheitlichung des Anderen ("othering")
    • "strategic essentialism" (G. Spivak)
  • Welche alltäglichen Sicherheitspraktiken setzten unterscheidend an (z.B. "racial profiling", geschlechterspezifische Kleider- und Raumordnungen)? Welche Akte der Zuwiderhandlung, d.h. Differenzmissachtung und Grenzüberschreitung, werden in den Quellen greifbar?
  • Fordert die Fokussierung auf Sicherheit und Differenz eine spezifische Form der Quellenkritik, macht sie auf den Quellen inhärente Problematiken aufmerksam? Wenn ja, auf welche?
    • Quellenauswahl, -befragung und -kritik 
    • Inexistenz bzw. mangelnde Zugänglichkeit von Quellen 
    • Medialität, Materialität, Form und Rhetorik  

 

Wir erbitten Beitragsvorschläge für etwa 20-minütige Vorträge (Titel und Exposé) bis zum 15. Januar 2020 an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

Veranstaltet von der Konzeptgruppe "Differenz und Intersektionalität".

Leitung/ Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Sigrid Ruby, Institut für Kunstgeschichte, JLU Gießen, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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Workshop "Sicherheit und Differenz in historischer Perspektive"

4.-5. Juni 2020, Justus-Liebig-Universität Gießen

Sicherheitsdiskurse und sicherheitsbezogene Praktiken kommen ohne die Unterscheidung zwischen sicher und unsicher nicht aus. Zwangsläufig kreieren sie Differenz(en) und Grenzen, deren Ignoranz oder Überschreitung zumeist mit Unsicherheit verbunden wird. Umgekehrt stoßen nicht primär durch Sicherheit begründete soziale Gruppenbildungsprozesse und Differenzwahrnehmungen oftmals Versicherheitlichungsprozesse an. Sicherheit und Differenz sind mithin kokonstitutiv. Sicherheitsdiskurse und -praktiken vollziehen sich in einem Spannungsverhältnis, das den Umgang mit Differenz(en) betrifft. 

Überraschender Weise hat die kritische Sicherheitsforschung das Wechselverhältnis zwischen Sicherheit und Differenz bislang kaum thematisiert. Erst jüngste Einlassungen aus den Reihen der postkolonialen und feministischen Kritik heben die Relevanz von Differenzkategorien wie bspw. Geschlecht, Ethnizität/Rasse, Klasse, Alter und Religion für eine kritische Sicherheitsforschung hervor. Sicherheitsforschung – so die Kritik – ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der in hegemonialen Vorannahmen gefangen scheint. Diese verunmöglichten es, subalterne Sprechpositionen zu berücksichtigen bzw. solche Sicherheitsanliegen zu untersuchen, die im Kontext bestehender, differenzbasierter Machtverhältnisse nicht artikulierbar waren respektive sind. Die Kritik lädt zu einer intersektionalen Perspektive ein, die auch die Verwobenheit und Überkreuzung von Differenzkategorien und Phänomenen des Übergangs bzw. der Grenzüberschreitung in den Blick nimmt. Wie lässt es sich erklären, dass eine intersektionale Kritik in der Sicherheitsforschung bislang ausblieb? Ist dies möglicherweise darauf zurückzuführen, dass Sicherheitsforschung die Berücksichtigung von Intersektionalität gar nicht zulässt, weil sie auf binär strukturierte Differenz(en) angewiesen ist? Welche Einschränkungen, aber auch Chancen böte das für eine historisch interessierte Sicherheitsforschung? 

Der Workshop möchte diesen Fragen nachgehen, indem er gezielt den Zusammenhang zwischen Sicherheitsentwürfen bzw. Sicherheitshandeln und der Herausbildung, Verhandlung und Fixierung von Differenz(en) in den Blick nimmt. Gefragt werden soll insbesondere, welche Differenzkategorien im Rahmen von Sicherheitskommunikation/-handeln als relevant erachtet wurden bzw. werden und inwiefern Sicherheitshandeln an Heuristiken und entsprechenden Routinen zur Herstellung, Wahrung oder auch Infragestellung von Differenz ausgerichtet war bzw. ist. 

Wir laden Interessierte zur Einreichung eines Beitragsvorschlags ein. Folgende Fragestellungen und Aspekte sollen der Orientierung dienen, schließen aber weitere Fragen und Ideen nicht aus.

  • Wie wurden Sicherheitsmaßnahmen mit dem Verweis auf Differenz(en) begründet? Wie wurden – umgekehrt – Differenz(en) und Grenzziehungen mit dem Verweis auf Sicherheit begründet?
  • Von wem wurden Differenz(en) im Namen der Sicherheit konstruiert und reproduziert? Aus welcher Machtposition heraus und mit welchen Mitteln geschah dies?
  • Welche Differenzkategorien wurden jeweils priorisiert? Wie wurden Differenzen zueinander in Beziehung gesetzt bzw. hierarchisiert?   
  • Inwiefern und wie genau verkomplizierten intersektionale Konstellationen Sicherheitsdiskurse und in ihrem Namen ergriffene Maßnahmen – oder schlossen sie sogar aus? Bis zu welchem Punkt kann eine Sicherheitsmaßnahme überhaupt intersektional ansetzen bzw. reflektiert sein? Welche blinden Flecke gibt es in der Forschung, auch in historischer Perspektive? Welche blinden Flecke der kritischen Sicherheitsforschung kann die historische Perspektive aufzeigen?
  • Welche Techniken, Medien, Formen und Semantiken kamen in der Verhandlung von Sicherheit und Differenz zum Einsatz? 
  • Wie gestaltet sich, historisch gesehen, der Zusammenhang von Sicherheit und sozialer Gruppenbildung (in-group vs. out-group)? In welchen historischen Konstellationen führten Sicherheitspraktiken/-rhetoriken zur Einebnung oder aber zur Bekräftigung von Differenz? (z.B. Burgfriedensemantik/"United we stand, divided we fall!" vs. "Wir gegen sie!")
    • Grenzziehungen (innen/außen)
    • Binnendifferenzierung qua Schutzwürdigkeit ("Frauen und Kinder zuerst"), sicherheitsbezogene Aufgabenverteilung und darin eingeschriebene Hierarchien
    • Versicherheitlichung des Anderen ("othering")
    • "strategic essentialism" (G. Spivak)
  • Welche alltäglichen Sicherheitspraktiken setzten unterscheidend an (z.B. "racial profiling", geschlechterspezifische Kleider- und Raumordnungen)? Welche Akte der Zuwiderhandlung, d.h. Differenzmissachtung und Grenzüberschreitung, werden in den Quellen greifbar?
  • Fordert die Fokussierung auf Sicherheit und Differenz eine spezifische Form der Quellenkritik, macht sie auf den Quellen inhärente Problematiken aufmerksam? Wenn ja, auf welche?
    • Quellenauswahl, -befragung und -kritik 
    • Inexistenz bzw. mangelnde Zugänglichkeit von Quellen 
    • Medialität, Materialität, Form und Rhetorik  

 

Wir erbitten Beitragsvorschläge für etwa 20-minütige Vorträge (Titel und Exposé) bis zum 15. Januar 2020 an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

Veranstaltet von der Konzeptgruppe "Differenz und Intersektionalität".

Leitung/ Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Sigrid Ruby, Institut für Kunstgeschichte, JLU Gießen, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!